Lillehammer und Klassenfahrt – Erinnerungen an den Februar 1994

Steffen Anton, 23.03.2025


Mein heutiger Text hat kein konkretes Thema. Es ist eher eine bestimmte Zeit, die ich versuche, so detailliert wie möglich zu rekonstruieren. Ich nehme Euch mit in den Februar des Jahres 1994: Ich war gerade 15 Jahre alt geworden und in der neunten Klasse. Eine Freundin war damals noch nicht in Sicht, dafür spielten Videospiele und Wrestling eine große Rolle in meinem Leben. Warum ich mir genau diesen Teil meiner Vergangenheit ausgesucht habe? Es gibt aus dieser Phase erstaunlich viele Zeitzeugnisse, anhand derer ich den Verlauf des Monats recht gut rekonstruieren kann. Zudem war dieser Abschnitt von einigen Themen geprägt, die einen nachhaltigen Eindruck auf mich gemacht haben und noch bis heute eine gewisse Rolle in meinem Leben spielen.

Am 3. Februar des besagten Jahres war mein Geburtstag. An ihn kann ich mich nicht mehr im Detail erinnern, ich meine jedoch, dass ich das Spiel „Jurassic Park“ für mein SEGA Master System geschenkt bekam.

Ein weiteres einschneidendes Ereignis war die acht Tage später stattfindende Vergabe der Halbjahreszeugnisse. Ich war damals nicht unbedingt das, was man als Streber hätte bezeichnen können, und so waren meine Noten eher durchschnittlich. Aber das störte mich wenig, denn im Nachgang standen einige wichtige Ereignisse an. Am darauffolgenden Samstag war ich nämlich nachmittags bei meinem Kumpel Kai zum Geburtstag eingeladen, das verrät mir der entsprechende Eintrag in mein Tagebuch. Am gleichen Abend wurde auf RTL2 das WWF-Großereignis „Royal Rumble 1994“ ausgestrahlt, auf das ich mich bereits seit Wochen gefreut hatte. Ich war zu dieser Zeit großer Wrestling-Fan, und ein paar Wochen später besuchte ich gemeinsam mit meiner Schwester sogar ein diesbezügliches Live-Ereignis in Dortmund.

Im Wintersport-Fieber

Das Olympiabuch
Das Olympiabuch

Und noch ein bedeutendes Event startete an diesem Wochenende: die Olympischen Winterspiele in Lillehammer. Wintersport besaß damals einen hohen Stellenwert bei mir. Das hatte hauptsächlich zwei Gründe:
Zum einen war ich zu dieser Zeit sehr oft bei meinem Cousin, der bereits einen 286er hatte, um dort gemeinsam mit ihm und meiner Cousine das Spiel „Winter Challenge" von Accolade zu spielen. Ich kann mich an viele launige Abende erinnern, an denen wir auf der Jagd nach Rekorden waren.

Zum anderen gab es bei uns im Hause die Tradition, dass ich gemeinsam mit meinem Papa jeweils zum Jahreswechsel die Vierschanzentournee anschaute. Jens Weißflog sorgte damals dafür, dass die Ergebnisse für das deutsche Team regelmäßig sehr positiv ausfielen.

Daher liegt es auf der Hand, dass auch die Winterspiele nun mein volles Interesse genossen. Ich hatte mir sogar einen eigenen Ordner mit Zeitungsausschnitten angelegt, in dem ich akribisch jeden Wettkampftag festhielt. Den Ordner besitze ich leider nicht mehr. Ich kann mich aber erinnern, auf der letzten Seite einen Spruch zum Abschluss der Spiele formuliert zu haben, der ungefähr folgendermaßen lautete: „Die Spiele mögen vorbei sein, aber der Sportsgeist und die positive Stimmung währen für immer.“ Kürzlich habe ich mir das Olympiabuch des bekannten Sportreportes Harry Valérien besorgt, um in Erinnerungen schwelgen zu können.

Doch zurück zum Februar 1994: Da ich Ferien hatte, konnte ich meine Zeit zum großen Teil vor dem Fernsehgerät verbringen. Das deutsche Skisprung-Team der Herrn holte übrigens Mannschaftsgold – dank Jens Weißflog.

Auf der Reise nach Fulda

Ein Gameboy und eine SEGA-Zeitschrift auf einem Bild. Ob das gut geht?
Ein Gameboy und eine SEGA-Zeitschrift auf einem Bild. Ob das gut geht?

Nach den Winterferien begann das zweite Schulhalbjahr. Kurz nach dessen Beginn hieß es: Es geht auf Klassenfahrt. Diese jährlich stattfindenden Ausflüge waren immer ein Highlight für mich. Einmal ohne Eltern unterwegs sein, lange abendliche Unterhaltungen auf den Zimmern und die eine oder andere Schwärmerei ausleben – was gab es schöneres für einen Teenager?

In diesem Jahr ging es in eine Jugendherberge nach Fulda. Als Reiselektüre hatte ich die März-Ausgabe der Zeitschrift „Sega Pro“ dabei, die am 17. Februar erschienen war und sich heute noch in meinem Besitz befindet. Auf dem Bild ist das aufgeschlagene Heft auf dem Tisch zu sehen, während einer meiner Kumpels mit dem Gameboy beschäftigt ist. Viel mehr Retrogaming auf einem Foto ist wohl kaum möglich. Unten in der Galerie ist zum Vergleich die entsprechende Seite des Magazins zu sehen.

Als ob das alles nicht genug wäre, ging es an einem Abend sogar noch ins Kino. Auf dem Programm stand der Film „Cool Runnings“, der am 10. Februar in Deutschland gestartet war. Erzählt wird die in Teilen wahre Geschichte des jamaikanischen Bob-Teams bei den Olympischen Winterspielen 1988 in Seoul. John Candy spielt den Trainer dieser sympathischen Truppe aus Underdogs, Regie führte Jon Turteltaub. Mit den Kumpels einen Film im Kino zu sehen, das war schon eine ganz besondere Freude. Ich kann mich noch gut erinnern, dass wir nach dem Film immer wieder das "eis, zwöi, drü" des Schweizer Bobteams rezitierten und uns dabei mächtig cool vorkamen. Selbstverständlich passte der Film auch ganz wunderbar zu meinem damaligen Wintersport-Fieber.

"Winter Olympics" auf SEGA

Das Modul besitze ich natürlich noch.
Das Modul besitze ich natürlich noch.

Als ich von der Klassenfahrt zurück kam, wartete zu Hause bereits ein kleines Paket auf mich: Es enthielt das Spiel „Winter Olympics“ für mein SEGA Master System, welches ich zuvor bei einem Versandhändler bestellt hatte. Dieses war als offizielles Spiel zu den Olympischen Winterspielen in Lillehammer erschienen und ist die einzige Umsetzung winterlicher Sportarten auf dem Master System. Neben Skispringen und Bob können bei der Jagd nach Medaillen auch diverse alpine Ski-Disziplinen absolviert werden. Die Umsetzung für meine Konsole kam mir selbstverständlich gerade recht. Im Bezug auf den Spielspaß kann das Spiel zwar nicht ganz mit seinem sommerlichen Vetter „Olympic Gold“ (ebenfalls aus dem Hause U.S. Gold/Tiertex) mithalten, zu schwammig ist dafür die Steuerung. Die Fachpresse urteilte dennoch eher wohlwollend. Die GAMERS 04/94 gab der (identischen) Fassung für den Game Gear eine 2-, das SEGA-Magazin vergab 72% Spielspaß. Trotz seiner Schwächen nehme ich das Modul immer wieder einmal zur Hand, spätestens immer dann, wenn wieder Winterspiele oder die Vierschanzentournee im Fernsehen laufen. „Winter Olympics“ war eines der letzten Spiele, welches ich mir für das Master System zulegte, denn circa ein halbes Jahr später hielt der PC Einzug in meinem Leben.

An meine Jugendzeit erinnere ich mich gern zurück. Leider habe ich nicht an alle Phasen solch detaillierte Erinnerungen, wie an den Februar des Jahres 1994. Die Vierschanzentournee schaue ich übrigens bis heute jedes Jahr an – auch wenn Jens Weißflog leider nicht mehr dabei ist.